Sicherheit und Risiko

Sicherheit
 
Das Bedürfnis nach Sicherheit ist tief im Menschen verwurzelt. Daraus erwächst das Bestreben, sich gegen mögliche Gefahren zu schützen und voraus zu planen. Hundertprozentige Sicherheit („zero accident“) ist nur in speziellen, standardisierten und stark regulierten Situationen (z.B. TÜV-geprüfter Hochseilgarten) mit mehrfach redundanten Sicherheitssystemen realisierbar.
In Bezug auf das Bergsteigen lässt sich ein solcher Anspruch nicht einlösen. Es gilt von daher immer, die größtmögliche (optimale) Sicherheit anzustreben. Durch Sicherheits-forschung, Unfallanalyse, Sicherheitsmanuale, Materialprüfung, Sicherheitsausrüstung, Normierung, Verhaltensempfehlungen usw. lassen sich wesentliche Gefahrenquellen reduzieren und damit die Sicherheit im Bergsport erhöhen.
 
 
 
 
 
 
 
 
Risiko
 
Der Risikobegriff spielt in zahlreichen Bereichen der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Man spricht von technischen, ökonomischen bzw. ökologischen Risiken oder auch von alltägliche Risiken (Straßenverkehr). Auch das Bergsteigen – als selbst gewählte Freizeitaktivität - birgt gewisse Risiken. Ob Klettern, Tourenskilauf, Wandern oder Hochgebirgstouren, wer den Boden - die platte Ebene - verlässt und nach oben steigt, der kann herunter fallen. Häufig wird der Bergsport deshalb als Risikosport bezeichnet.
Dabei beinhaltet der Begriff Risiko nicht nur die (verhaltensabhängigen bzw. verhaltensunabhängigen) Gefahren, die mit den unterschiedlichen Bergsportdisziplinen verbunden sind, auf der anderen Seite der Gleichung stehen auch die Chancen, der „Nutzen“ der alpinen Betätigung: Freude an der Bewegung, Spaß an der Leistung, die Lust an der Herausforderung, die Erholung in der Natur oder die Geselligkeit mit Freunden.
Während Gefahren subjektunabhängige Bedrohungen sind (z.B. Gewitter), die prinzipiell negativ bewertet werden, versteht man unter Risiken nicht nur Bedrohungen sondern auch Chancen, die positiv bewertet werden können.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Sicherheit und Ausbildung
Fundiertes Wissen, fachliches Können und gute Vorbereitung sind beim Bergsteigen der beste Garant dafür, gesund den Berg oder die Kletterwand hinauf und auch wieder herunter zu kommen. Risikokompetenz ist erlernbar!
Auch wenn es „absolute Sicherheit“ selbstverständlich nicht gibt, so zeigen Unfallanalysen immer wieder auf, dass aktive Bergsportler, die einen qualifizierten Kurs oder eine Ausbildung absolviert haben, weniger oft verunfallen als nicht ausgebildete Personen.
 
Besonders für Kinder und Jugendliche kommt es darauf, von Anfang an die richtigen Verhaltensweisen und den richtigen Umgang mit der Ausrüstung zu erlernen. Durch schrittweise Übertragung von Verantwortung und unter kompetenter Aufsicht wachsen sie so in eine eigenverantwortlich praktizierte Freizeitaktivität hinein.
Die Kinder- und Jugendgruppen der DAV Sektionen werden von Jugendleiterinnen und Jugendleitern betreut. Im Mittelpunkt stehen dabei verschiedene Gruppenaktivitäten wie Klettern, Wandern, Skitourengehen, Radfahren mit Spaß am gemeinschaftlichen Erlebnis. Die JugendleiterInnen sind speziell für diese anspruchsvolle Tätigkeit fachsportlich und pädagogisch ausgebildet. Durch jährliche Fortbildungen müssen sie sich ständig weiterqualifizieren.
 
 
Im Jugendkursprogramm der JDAV gibt für Kinder und Jugendliche in allen Altersgruppen Kursangebote für verschieden alpinen Aktivitäten: Bergsteigen, Klettern, Mountainbike, Ski- und Snowboardtouren usw. . Zahlreiche Sektionen bieten für ihre jugendliche Mitglieder eigene Jugendkursprogramme an. Ausgebildete Familiengruppen- und Fachübungsleiter sorgen im Alpenverein für die Qualifizierung im Familien- und Erwachsenenbereich.

Informationen zum richtigen Verhalten beim Bergsteigen findest du unter anderem in den Beiträgen der Sicherheitsforschung, die regelmäßig im „Panorama“, der Mitgliederzeitschrift des DAV veröffentlicht werden.
 
 
 
Sicherheit und Ausrüstung
Neben dem persönlichen Können und Wissen, das man sich am besten durch eine fundierte Ausbildung aneignet, entscheidet die richtige Ausrüstung maßgeblich über das Gelingen einer alpinen Unternehmung.
 
Nahezu alle Bergsportgeräte unterliegen den Bestimmungen der Europäischen Richtlinie für Persönliche Schutzausrüstungen (PSA). Das heißt ein Großteil der „Hardware“, die zum Bergsteigen verwendet wird, ist genormt (CE-Kennzeichnung). Darunter fallen Karabiner und Seile genauso wie Kletterwände, Helme oder Klettergurte.
Aber auch die Zweckmäßigkeit der nicht genormten Bergsteigerausrüstung wie Schuhe, Unterwäsche, Anorak beeinflusst Komfort und Sicherheit einer alpinen Unternehmung maßgeblich. Die Frage, welche Ausrüstung bei welchen alpinen Unternehmungen dabei sein muss, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das hängt zum einen von dem persönlichen Können des Tourengehers ab, aber auch von der Wahl seines Ziels, der Jahreszeit, den örtlichen Verhältnissen und so weiter.
 
 
Eine Grundausrüstung für Bergwanderer/Bergsteiger umfasst folgende Ausrüstungsgegenstände:

- Karte und Gebietsführer
- Gut passende Bergschuhe (mit Profilgummisohle)
- Funktions-Unterwäsche, Bergsocken, Tourenhose
- Jacke, Anorak bzw. Regenschutz, Mütze; evtl. Handschuhe,
- Sonnenkappe, evtl. Überhose; evtl. Gamaschen
- Rucksack (30 – 40l), Getränk, Brotzeit
- evtl. Teleskop-Schistöcke
- Erste Hilfe – Paket, Biwaksack, Mobiltelefon
- ggf. Höhenmesser und Kompass
- Sonnenbrille, Sonnencreme, Lippenschutz; evtl. Stirnlampe, Tape
((Bild: Bergsteiger mit kompletter Ausrüstung))
 
Die beste Ausrüstung nützt allerdings nichts, wenn man nicht sachgemäß damit umgehen kann!
Fachgeschäfte verfügen über ein entsprechendes Angebot an funktioneller Bergsportbekleidung und bieten meist auch gute Beratung an. Auf jeden Fall sollte man sich selbst vorher darüber im Klaren sein, für welchen Verwendungszweck man das Ausrüstungsteil benötigt. Beim Kauf sollte nicht unbedingt der Preis ausschlaggebend sein, sondern die Qualität und Funktionalität.
 
Aktuelle Informationen zur Ausrüstung beim Bergsport werden regelmäßig im „Panorama“, der Mitgliederzeitschrift des DAV veröffentlicht
 
 
 
Führungsgrundsätze und Sorgfaltspflichten als Teil des Risikomanagements
Teil des Risikomanagementes eines Jugend- oder Übungsleiters ist es, die Führungsgrundsätze zu beachten, die in jeweiligen Tätigkeitsbereich allgemein anerkannt sind. Diese sind in den entsprechenden Lehrschriften niedergelegt und werden in den Ausbildungskursen vermittelt.
Natürlich können hier nicht alle Sorgfaltspflichten und Führungsgrundsätze im Einzelnen abgehandelt werden. Zudem ist es auch so, dass sich in bestimmten Bereichen diese Grundsätze ändern können. Dabei geht es nicht darum, einmal erlernte Prinzipien, bis zum Sanktnimmerleinstag starr zu befolgen, sondern neue Entwicklungen und Veränderungen aufzunehmen und möglichst auf dem Laufenden zu bleiben.
Regelmäßige Teilnahme an entsprechenden Fortbildungen sowie die aufmerksame Lektüre einschlägiger Publikationen (Sicherheitsforschung im „Panorama“, Zum-Thema-Hefte, Fachzeitschriften wie „berg&steigen“) sind die beste Garantie dafür, dass man „up to date“ ist.
 
Einige grundlegende Punkte sollen hier erwähnt werden:
 
- Die Ausrüstung muss funktionstüchtig sein und passend zu den Anforderungen auf Tour ausgewählt werden.      Beispielsweise besteht die Sicherheitsausrüstung bei Skitourenunternehmungen verpflichtend für jedes Gruppenmitglied aus VS-Gerät, Schaufel und Sonde

- Die Überprüfung der Sendefunktion von VS-Geräten (täglich) sowie der Empfangsfunktion gehört mit zu den Sorgfaltspflichten bei Touren im winterlichen Gebirge

- Das konditionelle und technische Können des Jugend-/Übungsleiters muss den Schwierigkeitsgrad der Tour deutlich übersteigen. Wichtig ist nicht die Frage: „Bin ich der Tour gewachsen“, sondern „ bin ich der Leitung der Tour gewachsen“. Falls die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen für die Leitung der Tour nicht ausreichen, kann ein Fachmann hinzugezogen werden. Oder es wird ein leichteres Tourziel festgelegt.

- Die Planung der Tour muss sorgfältig erfolgen, Größe der Gruppe und Leistungsfähigkeit, Können und Kondition des einzelnen sind ebenso wichtige Planungsfaktoren wie Wetterlage, Zeiteinteilung, Lawinenlagebericht etc. Bereits bei der Planung am Heimatort kann eine Rücksprache mit dem Jugend- bzw. Ausbildungsreferenten der Sektion oder einer ausgebildeten und geprüften Fachkraft eine wertvolle Hilfestellung sein.

- Der Jugendleiter hat auch die Pflicht sich vor Ort über die herrschenden Verhältnisse der geplanten Tour sowie die örtlichen Gegebenheiten bzw. besonderen Gefahren zu informieren.

- Verschlechtern sich die Verhältnisse während der Durchführung einer Tour (Wind, Niederschlag, Nebel, Lawinengefahr o.ä.) oder kann der geplante Zeitrahmen nicht eingehalten werden, dann muss der Jugendleiter dies in seinen Entscheidungen berücksichtigen.
 
 
 
Risikokompetenz beim Bergsteigen
Kompetenzen sind Fähigkeiten und Kenntnisse, Probleme, Fragen oder Situationen zu beantworten bzw. zu lösen. Von daher lässt sich Risikokompetenz als eine Fähigkeit definieren, Situationen der Unsicherheit so zu bewältigen, dass die zu erwartenden Gewinnschancen möglichst hoch und das damit zwangsläufig verbundene Schädigungspotenzial gleichzeitig möglichst niedrig ist. Der „Gewinn“ beim Bergsteigen kann durchaus Verschiedenes sein: Erlebnisse, Erholung oder Genuss, Selbstbestätigung, Erfolg, Leistung usw. Die möglichen „Schäden“ sind auch klar: Versagen, Sturz, Verletzungen bis hin zum Tod. Wie im konkreten Fall von der Bergsteigerin/dem Bergsteiger die Gewinn- und Verlustchancen bei einer riskanten Unternehmung bewertet werden, ist immer eine individuelle, freie Entscheidung.

Risikokompetenz beim Bergsteigen ist aber nicht eine einzige, für sich selbst stehende Kompetenz, sie ist ein komplexes Gefüge unterschiedlicher (Teil)Kompetenzen. Sie ist eng mit dem entsprechenden Fachwissen (z.B. Seil- und Sicherungstechniken), praktischen Erfahrungen und allgemeinen „Schlüsselkompetenzen“ (Selbst-, Methoden- und Sozialkompetenz) verbunden. Für das Bergsteigen besonders wichtig ist die Selbstkompetenz, also die Fähigkeit, sich selbst und sein eigenes Können richt einschätzen zu können.

Schlüsselqualifikationen sind Fähigkeiten zur Persönlichkeitsentwicklung mit dem Ziel der Erweiterung des eigenen Handlungsrepertoires. Sie helfen mit Fachwissen umzugehen, sind selbst aber kein Fachwissen.
Risikokompetenz ist erlernbar. Ausbildung und Information alleine genügen aber dazu nicht. Notwendig ist die Übernahme von Verantwortung und Erprobung in „echten“ Situationen und Räumen, wie es der alpinen Erlebnispädagogik der JDAV zu Grunde liegt.
 
 
 
Risikomanagement beim Bergsteigen
Risikomanagement (RM) meint den systematischen Umgang mit Risiko zur Entscheidungsfindung. Wissenschaftlich ausgedrückt ist RM die systematische Anwendung von Managementgrundsätzen, Verfahren und Praktiken auf die Analyse, Bewertung und Kontrolle von Risiken.
 
RM erfolgt normalerweise in drei Schritten: Erkennen (Analyse) – Einschätzen (Bewertung) – Entscheiden (Kontrolle). Der Risiko-Dreischritt wird auch während einer Tour immer wieder durchgeführt.
Die Risiko-Entscheidung führt zu bestimmten Verhaltensweisen, die von Akzeptanz des vollen Risikos über Sicherungsmaßnahmen und Risikodelegation bis zum Verzicht reichen können. Für jede Spielform des Bergsteigens gibt es bestimmte Strategien zur Bestimmung und Bewältigung spezieller Risiken (z.B. Zeitplanung bei Bergtouren, Snowcard im Winter usw.).
 
 
 
Ein RM, also der planvolle Umgang mit dem Risiko, kann zu folgenden Strategien führen:
- Risikovermeidung: Ich lass die Bergtour/Skitour (bei den Verhältnissen) einfach bleiben
- Risikoübertragung: Ich kann die Risiken selbst nicht einschätzen und schließe mich einem kompetenteren Führer an 
- Risikominimierung: Ich umgehe z.B. die steinschlaggefährdete Passage
- Risikoakzeptierung: Ich nehme die möglichen Schäden angesichts des zu erwartenden Erfolgs/Gewinns in Kauf
 
 
 
Risikokommunikation beim Bergsteigen
Über Risiken muss man reden. Es gibt keine bergsteigerische Disziplin ohne Risiko.
Risikokommunikation heißt mit allen Beteiligten über die Chancen aber auch über die möglichen Gefahren zu reden, und zwar auf allen Ebenen: zwischen Jugendleitern, Eltern und Kindern, zwischen Tourenleiter und Teilnehmer, zwischen Führer und Geführtem, zwischen DAV und Öffentlichkeit.
 
Über Chancen und Gefahren des Bergsteigens zu reden, also einen offenen Leitungsstil zu praktizieren, gehört zum Selbstverständnis der JDAV. Nur wenn die Beteiligten über ausreichende und ehrliche Informationen verfügen, können sie selbständige Entscheidungen treffen.
 
Ein partnerschaftlicher und transparenter Leitungsstil bedeutet konkret:
- Information und Beteiligung aller Teilnehmer bei der Planung der Aktivität
- Transparente Darstellung der Gefahren 
- Erörterung von Alternativen
- Stop-Regel: Die Teilnehmer haben die Möglichkeit – soweit möglich und verantwortbar – bei der Aktion auszusteigen bzw. abzubrechen
- Klare Darstellung der Führungsverantwortung
 
 

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