Alpinklettern

Alpinklettern spielt sich an den oft mehrere hundert Meter hohen Felswänden der Alpen oder anderen Bergregionen ab. Dabei steht für den Alpinkletterer häufig das Erreichen des Gipfels im Mittelpunkt.
 
Während sich das Sportklettern an der Kunstwand und an (zumeist mit Bohrhaken) gut gesicherten, leicht erreichbaren Mittelgebirgsfelsen mit geringer Wandhöhe abspielt, bewegt sich der Alpinkletterer in einer grundsätzlich risikoreicheren Umgebung. Ausgedehnte Anmarschwege zur Felswand, keine oder nur wenige vorhandene Sicherungspunkte am Fels – nicht selten von zweifelhafter Qualität – und zusätzliche Witterungseinflüsse (Hitze, Kälte, Gewitter...), machen das Alpinklettern zu einer Spielart mit zusätzlichen Herausforderungen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Alpines Sportklettern
Zwischen dem Sportklettern und Alpinklettern hat sich seit geraumer Zeit das Alpine Sportklettern als eine immer populärer werdende Zwischenform herausgebildet. Gute Felsqualität und Absicherung, reduzierte alpine Gefahren (kurze Zustiege, unproblematische Rückzugsmöglichkeiten, Klettern ohne Rucksack ...) halten das Risiko in einem überschaubaren Rahmen.
 
 
 
 
 
 
Plaisirklettern
In einer nochmals entschärften Variante hat sich – vor allem in der Schweiz (siehe unten) – das so genannte Plaisirklettern entwickelt. Hier entfällt weitgehend die Notwendigkeit, Sicherungsmittel selbst anzubringen. Kurze, zumeist mit Turnschuhen bewältigbare Zustiege, sonnseitige Wandexpositionen, überschaubare Wandhöhen, die Nähe zur Straße und zur nächsten Gastwirtschaft machen das Plaisirklettern zu einem genussorientierten Breitensport im entspannten Umfeld.
 
 
 
Hochalpines Klettern
Umgekehrt gibt es auch im Alpinklettern eine weitere Steigerungsmöglichkeit, was die Anforderungen an Erfahrung und Können betrifft. In den hochalpinen, kombinierten Klettertouren warten auf die Protagonisten neben dem Felsklettern zusätzlich Anforderungen: Nochmals verlängerte Zustiege, die Abgeschiedenheit der Klettertour, Höhenlage, Eis und Schnee machen solche Touren zu Unternehmungen, die nur nach langjährigem Training, zusätzlicher Ausrüstung und mit dem notwendigen Selbstbewusstsein angegangen werden können.
 
Zu den oben genannten Spielformen des Kletterns existieren selbstredend fließende Übergänge nach unten wie nach oben mit zahllosen Feinabstufungen und Varianten. Von der selbst abzusichernden anspruchsvollen „Sportkletterroute“ im Elbsandsteingebirge bis hin zur Extremkletterei auf 7000 Meter Höhe lassen sich die verschiedensten Kombinationen finden, die sich jeweils durch ganz spezifische Anforderungen auszeichnen.
 
Im Folgenden werden Faktoren beschrieben, die bei all diesen Varianten anzutreffen sind. Sie gelten in abgestuftem bzw. gesteigertem Grad für die genussreicheren genauso wie für die extremeren Spielformen des Alpinkletterns.
 
 
 
Ausrüstung
Zu der Ausrüstung vom Sportklettern, also Helm, Seil, Gurt, Kletterschuhe und Karabiner kommt beim Alpinklettern je nach Anforderungen der geplanten Tour noch einiges hinzu. Für gemütliches alpine Touren kann es sich dabei um ein kleines Sortiment an mobilen Sicherungsmitteln zur Ergänzung der vorhandenen haken sowie einen leichten Biwaksack handeln – oder für anspruchsvolle Mehrtagestouren im Hochgebirge um zusätzliche Eisausrüstung, Schlafsack, warme Bekleidung und ein umfangreiches Sortiment an Haken, Friends und Klemmkeilen. Für alpine Unternehmungen im Expeditionsstil in den entlegendsten Regionen der Erde müssen Zelte, Schlafsäcke sowie Verpflegung und Kletterausrüstung häufig sogar in mehreren Tage durch zusätzliche Träger zum Basislager geschafft werden.
 
 
Im Vergleich zum Sportklettern in den Mittelgebirgen ist der Alpinkletterer mit einer Vielzahl mehr an Gefahren konfrontiert. Neben dem sich durch die weniger gute Absicherung ergebenden erhöhten Verletzungsrisikos bei einem Sturz bedingt die (hoch)alpine Umgebung weitere Gefahren. Durch die oftmalige Abgeschiedenheit ist ein Rückzug bei Wetterverschlechterung, einem Unfall oder im Falle unerwarteter Schwierigkeiten oft nur unter großen Anstrengungen oder kaum mehr möglich. Im Falle eines ungeplanten Biwaks oder anderer Komplikationen können Höhe, Ausgesetztheit in Kombination mit extremen Wettersituationen zu erheblichen Schwierigkeiten führen – eine Rettung ist dann manchmal nicht möglich.
 
 
Alpine Touren gehen häufig nicht nur mit einem erhöhten Materialaufwand sondern auch mit einer intensiveren Planung als beim Sportklettern einher.
- Die Grundlage zu einer soliden Tourenplanung bilden dabei topographische Karten im Massstab 1:25.000 sowie entsprechende Spezialliteratur (Gebietsführer, Auswahlführer, Reise- und Expeditionsberichte) die für die allermeisten Regionen der Alpen und auch viele außereuropäische Gebirge existieren.
- Seit einigen Jahren gewinnt auch das Internet einen immer größere Bedeutung bei der Tourenplanung. So lassen sich tagesaktuelle und teils stundegenau Wetterprognosen in kürzester Zeit vergleichen, digitale Karten mit Satteliten- oder Luftaufnahmen vergleichen und aktuelle Informationen zu den in einem Gebiet aktuell herrschenden Bedingungen beziehen.
- Die Fülle an Informationen die auf den verschiedensten Wegen zusammen kommt kann schnell unübersichtlich werden und wird mit Hilfe geeigneter Planungsinstrumente gefiltert. Eine Abwandlung der 3x3-Methode zur Tourenplanung im winterlichen Gelände von Werner Munter leistet hierfür gute Dienste. So werden die verfügbaren Informationen in die drei Bereiche Mensch, Gelände und Verhältnisse eingeteilt und bereits während der Planung zu Hause, direkt vor Beginn der Tour und dann direkt immer wieder auf der Tour beurteilt. (Weiter Informationen hier)
- Zur Planung gehört nicht nur die Information über Zustände im Gebiet und auf der anvisierten Tour sondern auch die Wahl der passenden Ausrüstung, der passenden Partner und die Erledigung allfälliger Formalitäten. So stellt sich bei Expeditionen oder Unternehmungen im Ausland oft Fragen wie: Braucht man eine Genehmigung oder Permits? Muss ein einheimischer Führer mit dabei sein? Welche Einreisebestimmungen oder medizinischen Vorsorgevorschriften müssen beachtet werden?
 
 
Die Fülle von zusätzlichen Anforderungen die sich aus Gelände, Höhe, Absicherung und Charakter einer alpinen Tour ergeben wirken sich direkt auf die Konstitution des Alpinisten aus. Die Kombination nahezu aller Spielarten des Bergsteigens findet sich beim Alpinklettern wieder und fordert eine sehr gute körperliche Grundkondition und die Kombination verschiedener alpiner Fertigkeiten auf einem Niveau wie es sonst oft nur den Spezialisten vorbehalten sind. Zusammen mit dem Wissen um höhere Risiken und reduzierte Bergungsmöglichkeiten bei einem Unfall steigt auch die Anforderung an die menschliche Psyche.
 
 
 
Die großen Wände
Die Anfänge des Alpinkletterns gehen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Nach der Eroberung der Alpen, nahezu alle Alpengipfel waren bestiegen worden, widmete man sich der Bezwingung der großen Felswände der Ost- und Westalpen. Routen wie die „Via Classica“ (1901) durch die imposante Südwand der Marmolata oder der „Steinerweg“ (1909) durch die Südwand des Hohen Dachsteins zeugen vom Können und Mut der damaligen Kletterer. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg kommt es zu einer neuen Erschließungswelle in den Alpen und weitere Wände werden auf immer schwierigeren Wegen durchstiegen. Zu Routen die auch heute noch von großem Interesse sind zählen zum Beispiel die „Via Cassin“ (1937) durch die Nordostwand der Piz Badile im schweizerischen Bergell, die „Comici Führe“ (1933) durch die Nordwand der Großen Zinne oder die Nordwand der Grandes Jorasses auf den Croz Pfeiler (1935).
 
 
Die Sackgasse der Diritissima und der Einzug des Freiklettergedankens
Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich langsam die Besteigung großer Felswände auf einer möglichst geraden Linie zum Gipfel durch. Dabei verbrachten die Gipfelaspiranten oft Tage oder gar Wochen in der Wand und bewältigten weite Strecken unter Zuhilfenahme von (Bohr-) haken und Leitern in künstlicher Kletterei. Mit Reinhold Messer als Protagonisten gewinnt der Freiklettergedanke in den Alpen wieder an Bedeutung. Ab 1950 gelingen ihm, teilweise im Alleingang extremen Erstbegehungen im sechsten Grad, dem damaligen Maximum auf der Schwierigkeitsskala. Als 1977 Helmut Kiene und Reinhard Karl für ihre Erstbegehung der Route „Pumprisse“ den siebten Grad vorschlagen wird die Schwierigkeitsskala nach oben geöffnet. Mit der Erstbegehung von „Locker vom Hocker“ 1981 im Wettersteingebirge wird zum ersten Mal eine alpine Route mit dem achten Grad bewertet. Die Erstbegeher Wolfgang Güllich und Kurt Albert hinterlassen kaum Haken in der Südwand der Schüsselkarspitze und somit eine Route die eine zusätzliche Absicherung mit mobilen Sicherungsmitteln wie Friends und Klemmkeilen (BILD + Unterschrift) erfordert. Mit dem zunehmenden Einsatz von Bohrhaken ist man nicht mehr auf natürlich Linien die mit Normalhaken und Klemmkeilen und Friends absicherbar sind angewiesen. Alpine Erstbegehungen dringen so in bisher unberührte kompakte Platten vor und die Schwierigkeiten werden gesteigert.
 
 
Der Plaisirgedanke
Während der neunziger Jahre findet in der Schweiz, abseits von Nordwänden und extremen Schwierigkeitsgraden, eine Entwicklung statt die unausweichlich mit dem Namen Jürg von Känel verbunden ist. Unter dem Titel „Schweiz Plaisir“ veröffentlicht Jürg von Känel 1992 einen Kletterführer in dem ausschließlich gut abgesicherte und häufig bequem zu erreichende Routen in gutem Fels aufgeführt sind. Damit setzt er einen Standard für kommende Generationen von Kletterern die nicht mehr wie ihre Vorfahren von Wagemut und alpiner Erfahrung geprägt sind, sondern Klettern in den Alpen als Genuss sehen. In der Folge werden viele traditionell Routen in den Alpen gemäß dem „plaisir-Standard“ saniert.
 
 
Der Bohrhakenstreit
Der nachträgliche Einsatz von Bohrhaken in bereits vor vielen Jahrzehnten mit schlechterer Ausrüstung erstbegangenen Routen führt jedoch zu einem Streit zwischen Bohrhakengegnern und den Sanierern. Im Kaisergebirge, Karwendel oder Bergell werden solche nachträglich gesetzten Haken von den Gegnern sogar wieder entfernt. Nach langen Diskussionen konnte dieser Streit dann beigelegt werden. Eine Naturverträgliche Neuerschließung und Sanierung wird heute von der durch die Alpenvereine unterzeichneten „Tiroler Deklaration“ unterstütz. Der schonende Umgang mit der Bergwelt und ein möglichst spurenloser Nutzen sind darin ein zentrales Anliegen. Dem Plaisir- und Abenteuergedanken werden so zur gleichen Zeit Raum geschaffen.
 
 
Cleanclimbing
Parallel zu dieser Entwicklung findet eine weitere Facette des Kletterns immer mehr Anhänger, das so genannte Cleanclimbing. Hierbei wird eine Kletterroute nur mit mobilen Sicherungsmitteln abgesichert. (BILD) Der bewusste Verzicht auf Haken fordert mehr Engagement und Erfahrung vom Kletterer um eine Route sicher bewältigen zu können.
 
 
Bigwallklettern
In Nordamerika hat sich das Klettern an den hohen Felswänden jedoch anders entwickelt. Die Fortbewegung an Hilfsmitteln wie Leitern und Haken hat sich seit Beginn der 1960er Jahre fest etabliert. Die zum Teil über 1000 Meter hohe Wände wie die des El Capitan oder des Halfdomes im Yosemite Valley wurde seither immer in einer Mischung aus freiem und künstlichem Klettern begangen. (BILD TECHNO) Diese Bigwallklettern erfordert Unmengen an Material und die Unternehmungen dauern of mehrer Tage und erst vor wenigen Jahren begann der Freiklettergedanke sich durchzusetzen. Nach der ersten freie Begehung der „Nose“ am El Capitan, dem vielleicht berühmtesten Bigwall der Welt, durch Lynn Hill 1993 dauerte es jedoch noch einige Jahre bis weitere große Wände frei durchstiegen wurden. Ausnahme Athleten wie Thomas und Alexander Huber, Dean Potter oder Tommy Caldwell kletterten weiter Bigwalls frei. Bei einigen ihrer Expeditionen trugen sie den Freiklettergedanken bereits in die höchsten Regionen der Welt. Somit hat sich aus dem ursprünglichen Alpinklettern in den Alpen eine Spielform des Alpinismus entwickelt die an den hohen Felswänden auf der gesamten Erde zu finden ist.
 
 
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