Zwar ist man als Bergsteiger im Hochgebirge fast immer sowohl im Eis und Schnee als auch im Fels unterwegs, turnt auf Graten, in Wänden oder marschiert auf flachen Gletschern, trotzdem ist aber eine Trennung in die verschiedenen Spielformen sinnvoll, weil jede andere Anforderungen an Technik, Kondition und Ausrüstung stellt.
Sobald man im Fels klettern und steilere Abschnitte im Eis zurücklegen muss, ist man nicht mehr im leichten Gletschergelände unterwegs, sondern befindet sich auf einer klassischen Hochtour. Ob der Großglockner, der Ortler, das Matterhorn oder der Biancograt (hier im Bild) bezwungen werden will, immer müssen die Techniken in Fels, Schnee und Eis gut beherrscht werden und die Kondition sollte eine sehr gute sein. Auch die technische Ausrüstung muss um mobile Sicherungsmittel, wie beispielsweise Eisschrauben, erweitert werden.
Natürlich kann aufgrund des ausgefeilten Materials heute auch steilstes Eis (bis über 90○) geklettert werden, dies muss der Hochtourist aber dann dem versierten Eiskletterer überlassen.
In diesen Touren hat nur mehr ein Alpinist par excellence etwas zu suchen. Routen wie die Grand Jorasses Nordwand, die Matterhorn- oder Eiger-Nordwand – um die bekanntesten drei zu nennen – sind sehr anspruchsvolle Unternehmungen und gehören nur mehr bedingt zu den Spielformen des Hochtourengehens. Sie verlangen einen alpinen Fels- und Eiskletterer, einen versierten Sicherungstechniker und Taktiker mit reicher Erfahrung in jedem Gelände in einer Person.
Das ganze Spektrum an Hochgebirgsaktivitäten lässt sich natürlich auf die Gebirge der Welt übertragen, z. B. auf den Himalaya oder die Gebirge Amerikas. Expeditionen sind Unternehmungen in außeralpinen Hochgebirgen, in denen man ohne Hüttenübernachtung mehrere Tage bis Wochen unterwegs ist. Da man sich teils ohne jegliche fremde Hilfe und in großen Höhen aufhält, verlangen solche Touren – wenn sie ohne professionelle Unterstützung unternommen werden – viel Eigeninitiative in jeder Hinsicht und eine gute Höhenanpassung / Akklimatisation.
Neben dem technischen Anspruch einer Route, sollte ein Bergsteiger aber mithilfe einer Bewertung auch über Absicherbarkeit, Länge und Höhenlage, Orientierungsanforderung und dem objektiven Gefahrenpotential informiert werden.
Vor allem in der Schweiz hat sich eine Skala etabliert, die diese Gesamtschwierigkeiten in sieben Stufen von F (facile) über D (difficile) bis ABO (abominable difficile) angibt.
Ausrüstung für Hochtouren
Da Alpinisten auf Hochtouren fast immer riesige Rucksäcke mit sich umherschleppen, sprengt es den Rahmen, hier alle notwendigen Utensilien aufzuzählen und zu beschreiben. Neben der allgemeinen Ausrüstung, die speziell bei Touren im Hochgebirge gebraucht wird, soll im Folgenden nur auf die Hardware eingegangen werden.
Allgemeine Ausrüstung
Wie bei vielen Outdooraktivitäten zählt bezüglich der
Bekleidung auch bei Hochtouren das Zwiebelprinzip. Funktionsunterwäsche auf der Haut und als zweite Schicht eine Wärmeisolierung. Somit muss die

äußere Schicht vor allem drei Kriterien erfüllen: wasser- und winddicht bzw. -abweisend und atmungsaktiv. Der Markt bietet jede Menge an soft- und hardshell-Technologien, die diese Eigenschaften erfüllen. Neben einer solchen Jacke ist bei Touren in Schnee und Eis auch eine ebensolche Hose empfehlenswert.
Auch die Schuhe sollen wasserabweisend sein. Dabei gibt’s zwei Möglichkeiten: Leder, oft einen besseren Gehkomfort bietend, oder Plastik, heute eher rückläufig. Da die Auswahl fast grenzenlos scheint, möge man sich bei Fragen oder Beschwerden an den Fachhändler wenden.
Speziell im vergletscherten Gelände ist die Sonneneinstrahlung sehr intensiv – auch oder besonders bei Nebel oder Bewölkung. Somit sind ein Sonnenschutz und vor allem eine Gletscherbrille unerlässlich. Bei letzterer soll nicht die coole Optik beim Kauf entscheiden, sondern die Tatsache, dass die Gläser UV-Licht und auch das sichtbare Licht absorbieren sowie Schutz vor seitlichem Lichteinfall bieten.
Natürlich braucht ein Hochtourist auch Rucksack, Biwaksack, Erste-Hilfe-Material usw. Dieses Material deckt sich mit dem anderer Alpinsportarten oft. Wichtig ist aber vor allem auf Hochtouren ein Orientierungsmittel. Karte, Kompass und Höhenmesser sind die Grundlagen dabei. Bei großen Gletschern ist auch ein GPS-Gerät sinnvoll.
Hardware
Karabiner, Gurt, Helm, Seile und Schlingen sind ebenfalls aus anderen alpinen Bereichen bekannt und werden an dieser Stelle nicht weiter beschrieben ( vgl. die Rubrik
Alpinklettern auf dieser Websit). Während der Eiskletterer meist mit

futuristisch anmutenden Geräten umherfuchtelt, braucht ein Hochtourengehen vorerst einen herkömmlichen
Pickel. Dieser ist aus Leichtmetall oder Kunststoff, muss aber die Belastung als T-Anker aushalten. Die Haue ist leicht nach unten gebogen und auf der Rückseite sitzt eine Schaufel. Bei ausgestrecktem Arm soll die Pickelspitze knapp über dem Boden sein. Möchte man Eiswände erklimmen oder ist im anspruchsvollen Kombigelände unterwegs sein, benötigt man ein
Eisgerät – beziehungsweise zwei davon. Die Länge reduziert sich dabei auf ca. 50 cm und die Haue hat eine scharfe Zahnung und ist bananenförmig gekrümmt. Auf der Rückseite sitzt eine Schaufel und ein Hammer auf dem zweiten Gerät. Der Schaft soll nur leicht gebogen sein, Griffe wie beim Eisklettern sind eher störend. Beide, sowohl Pickel als auch Eisgerät, werden mit Handschlaufen gegen den Verlust gesichert.
Gegen den Verlust von Steigeisen schützt eine Kipphebelpindung hinten, ein ausgeprägter Rand am Schuhwerk ist dabei wichtig, und ein Plastikkäfig oder Stahlrahmen vorne. Steigeisen mit Lederriemchen nerven beim Anziehen und sind oft wacklig an den Schuhen und damit: OUT!
Für einfache Gletschertouren reichen Leichtsteigeisen und eventuell sogar nur zehn Zacken. Je steiler das Eis, desto verwindungssteifer sollte der Rahmen sein und desto fester sollte das Eisen am Schuh fixiert werden können. Ein Frontalzackenpaar ist ebenso notwendig, auch wenn diese zwei Frontzacken nicht so lang sein müssen wie beim Eisfallklettern, man stolpert nur drüber. Eine Antistollplatte unter den Zwölfzackern verhindert das Bilden von großen Schneeklumpen unter den Steigeisen und dient damit dem Gehkomfort und der Sicherheit.
Zum Bau von Fixpunkten im Eis, ob für Spaltenbergung, Standplatz oder Zwischensicherung, benötigt man
Eisschrauben mit einer Länge von ca. 17 bis 19 cm und einem eher dicken Durchmesser. Leicht eindrehbare Modelle mit Kurbel sind zwar nicht unbedingt nötig, aber zu empfehlen. Denn wenn man eine Schraube schnell setzen kann, kurbelt man lieber und ist somit sicherer unterwegs (weitere Infos in der Rubrik
Eisklettern).
Spezielle Sicherungsmethoden auf Hochtouren
In diesem Bereich wird auf die allgemeine Sicherungstechnik und Knotenkunde verzichtet, lediglich auf einzelne spezielle Sicherungsmethoden wird hingewiesen.
Auf flachen Gletschern ist die größte Gefahr, in eine verdeckte Spalte zu fallen. Demnach gilt

folgendes Anseilprinzip. Die einzelnen Seilschaftsmitglieder – mindestens zwei und höchstens fünf –
gehen gleichzeitig am Seil mit so großen Abständen, dass sie bei einem Spaltensturz genug Bremsweg zum Halten haben und nicht mit in die Spalte gerissen werden. Der Personenabstand ist umso größer, je weniger Personen in einer Seilschaft gehen (zwischen 6 und 12 Metern). Das Seil muss zwischen den Seilschaftsmitgliedern ständig straff gehalten werden. Das Gleichzeitige Gehen mit dieser Anseilmethode ist Standard auf wenig steilen Gletschern.
Wird dieser steiler, gesellt sich zur Gefahr eines Spaltensturzes auch die sogenannte Mitreißgefahr bei gleichzeitigem Gehen. Je nach Beschaffenheit des Gletschers – Blankeis oder Firn – kann beispielsweise ein Stolpern eines Seilschaftsmitglieds schon bei 30 Grad Neigung nicht mehr von den Kameraden gehalten werden. Dann muss für eine Gruppe beispielsweise ein Fixseil gebaut werden oder man sichert über einen Standplatz. Fixpunkte sind Eisschrauben bei Blankeis oder Pickel als T-Anker bei Firnauflage.
In anspruchsvollem Gelände mit Absturzgefahr wird wie auch bei Felstouren in 2er- oder 3er-Seilschaften geklettert.
Eine Besonderheit ist das Begehen von Firngraten. Neben der Möglichkeit mit Fixpunkten zu sichern, gibt es das spektakuläre gleichzeitige Gehen. Dabei kann ein Mitreißunfall nur dadurch verhindert werden, dass der Seilpartner auf die andere Seite des Grates springt.
Das sogenannte „Gehen am kurzen Seil“ beinhaltet einen sehr großen Risikofaktor und ist somit nur einem staatlich geprüftem Bergführer vorbehalten.
ACHTUNG: Die Sicherungsmethoden sind hier nur kurz genannt. Eine vollständige Beschreibung enthält der Alpinlehrplan Hochtouren und um diese Methoden zu beherrschen, bedarf es einer mehrtägigen Ausbildung im Hochgebirge!
Bei den Gefahren, die im alpinen Gelände auftreten können, unterscheidet man die subjektiven und die objektiven Gefahren. Erstere gehen vom Bergsteiger selbst aus, so zum Beispiel das Verwenden der falschen Ausrüstung oder die Überforderung. Diese persönlichen Gefahrenmomente treten bei vielen Alpinsportarten auf. „Gegenmaßnahmen“ finden sich beispielsweise bei „Vorbereitung / Training“. Objektive Gefahren gehen vom „Objekt“ Berg aus. Und vor allem das Hochgebirge knausert nicht mit solchen Unannehmlichkeiten:
Stein- und Eisschlag
Der Steinschlag kann von anderen Bergsteigern oder auch Tieren verursacht werden oder durch thermische Veränderungen wie zum Beispiel durch zurückweichenden Permafrost ausgelöst werden.
Unter Eisschlag versteht man das Abbrechen und Herunterfallen von Eisteilen, die durchaus große Ausmaße annehmen können. Bei Gletschern hängt das sogenannte „Kalben“ nicht von der Temperatur, sondern vom Fließen des Gletschers ab, so dass eine Vorhersage sehr schwierig ist. Bei beiden Gefahren, gilt es eventuell schon bekannte Zonen zu meiden oder sie schnell zu durchqueren. Ein Helm ist dabei natürlich Pflicht.
Gletscherspalten
Diese Klüfte bilden sich durch das Fließen des Gletschers vor allem über unebenes Gelände. Während auf einem schneefreien, sprich aperen Gletscher die Spalten gesehen und umgangen werden können, stellen sie bei verschneitem Gelände ein große Sturzgefahr dar. Schutz vor den Spaltenstürzen bietet das richtige Begehen eines Gletschers in der Seilschaft. Ist ein Gletscher oder auch nur ein Firnfeld sehr steil, ist die Absturzgefahr natürlich ebenso nicht zu unterschätzen.
Lawinen
Auch wenn diese gefährliche Schneebewegung eher im Winter vorkommt, stellt sie auch im Sommer durchaus eine Gefahr dar. Besonders wenn sehr viel Neuschnee auf verfestigten Untergrund fällt, z. B. Eis oder Firn, und keine Bindung eingeht, kann es auch im Sommer nach Wetterstürzen zu solchen Gefahrensituationen kommen. Da sich der versierte Alpinist aufgrund der Klimaerwärmung nun auch im Spätwinter seinen Zielen nähert, gehört eine fundierte Lawinenausbildung zu einem vollkommenen Bergsteiger dazu.
Wetterphänomene
Neben den extremen Temperaturen - Sonne und damit Hitze und natürlich Kälte – die auch auf Gletschern zu Problemen führen können, ist ein Wettersturz eine besonders große Gefahr bei Hochtouren. Während sich nämlich bei einem

Wärmegewitter, das natürlich ebenso nicht unterschätzt werden darf, das schöne Hochdruckwetter normalerweise wieder einstellt, kann eine Kaltfront auch im August viel Neuschnee und rapide fallende Temperaturen bringen, die tagelang anhalten und Bergsteiger im Hochgebirge ebenso lange festhalten können. Nicht selten überrascht die typische Kaltfront im Spätsommer ganze Bergsteigerscharen. Eine fundierte Ausbildung in der Wetterkunde und das studieren der Vorhersage gehört somit zum Pflichtprogramm eines Hochtouristen.
Höhe
Da der Sauerstoffdruck in der Luft mit zunehmender Höhe abnimmt, ist der Körper durch den Sauerstoffmangel nicht mehr so leistungsfähig. Bemerkbar macht sich die „Höhe“ schon bei unter 2000 Meter, über 3000 Meter können ernsthafte Höhenbeschwerden auftreten. Über 5300 Meter passt sich der menschliche Körper der Höhe nicht mehr an. Die Völker im Himalaya und in den Anden siedeln deshalb nur bis zu dieser Höhe dauerhaft. Die sogenannte Todeszone, in der sich ein Mensch nur kurzzeitig aufhalten kann, befindet sich über 7500 Meter. Eine langsame Anpassung, sprich Akklimatisation kann Beschwerden lindern und Höhenkrankheiten verhindern.
Neben der Tourenplanung und der „geistigen Vorbereitung“ wie zum Beispiel das Kennenlernen des Wetters gibt es durchaus auch Möglichkeiten den Körper auf die Belastung für anspruchsvolle Hochgebirgsfahrten vorzubereiten.
Während ein Kletterer besser den Kraftraum oder das Campusbord nutzt, ist für einen Hochtouristen vor allem die Grundlagenausdauer von Bedeutung. Trainiert werden kann diese natürlich durch das ständige Umhersteigen im Hochgebirge. Da das aber für den normalen Bergsteiger nicht möglich ist, sind Dauerläufe und das Radfahren eine gute Möglichkeit, die Ausdauer zu trainieren. Wer im Winter Skitouren unternimmt, hat ebenso schon eine gute Kondition. Wichtig ist dabei, dass bei einem Ausdauertraining nicht die Intensität hoch sein muss, sondern die zeitliche Dauer für den Trainingsreiz sorgt.
Auch für eine ordentliche Höhenanpassung – Akklimatisation – soll vor der großen Tour gesorgt werden. Dabei gibt es folgende Formel: Pro 1000 Meter braucht der Körper rund eine Woche, um sich auf diese neue Situation einzustellen. Eine weitere Regel empfiehlt: „hoch gehen, tief schlafen“, damit kleine Reize gesetzt werden, eine Regeneration während der Nacht aber noch möglich ist.
Wer in besonders anspruchsvollem Gelände unterwegs ist, wird auch nicht umhin kommen, Klettertechnik und Sicherungstaktik „im Trockenen“ zu trainieren. Deshalb sind immer wieder komische Gestalten im Klettergarten mit Bergstiefel und Handschuhen am Fels zu sehen oder trainieren Spezialisten mit Eisgeräten an Holzleisten in der Boulderhalle.
Kleine Geschichte des Bergsteigens im Eis
Lange Zeit wurden die hohen Berge von den Menschen gemieden, da sie als nutzloses und gefährliches Ödland betrachtet und gefürchtet wurden. Sie behinderten das Reisen und zogen Unwetter an. In manchen Kulturen wurden sie auch als Wohnsitz der Götter angesehen.
Etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts begann die Erkundung und Erforschung der Alpen. Naturwissenschaftler fingen an, sich für Alpenpflanzen, Gletscher und das Wetter in den Bergen zu interessieren. Die bergsteigerische Tätigkeit, die zu dieser Zeit begann, wurde fast ausschließlich von gebildeten Städtern und Landgeistlichen durchgeführt. 1744 wurde so der Titlis (3238 m) erstmals bestiegen. Die Anfänge des modernen Bergsteigens liegen also im Eis, da das Felsklettern durchweg später begann. Logischerweise wurden zuerst die leichtesten Anstiege auf die imposanten Gipfel gesucht, die aber über 3000 m meist nur mit Gletschereisberührung zu meistern waren.
Horace Bénédict de Saussure, der reichste Einwohner Genfs und ein ehrgeiziger Wissenschaftler, versprach bei seinem ersten Besuch in Chamonix im Jahre 1760 dann ein Preisgeld für denjenigen, der als erster einen Weg auf den Mont Blanc finden würde. Diese Erstbesteigung 1786 durch den Arzt Michel Paccard und seinem Begleiter Jacques Balmat (vgl. Bild) war damals der große Start des Eisgehens, wobei nebst riesigen Eispickeln – sprich Eisenstangen – auch Leitern zur Überwindung von Gletscherspalten verwendet wurden.
1802 versuchte Alexander von Humboldt während seiner mehrjährigen Forschungsreise den Vulkan Chimborazo in den Anden zu besteigen und gelangte in eine Höhe von 5600 m. 1880 gelang dann seine Erstbesteigung.
1804 glückte dem Gämsenjäger Josef Pichler im Auftrag des Erzherzog Johann von Österreich die Besteigung des Ortler über die schwierige Nordwestflanke. Dies war die vermeintlich erste „Mixed-Route“ in den Ostalpen.
Auch andere bemerkenswerte Eisfahrten lagen - wie schon erwähnt - zeitlich vor den ersten bedeutenden Felsfahrten, so z.B. die erste Begehung des Brenvasporns am Mont Blanc 1865. In der Schweiz fiel im gleichen Jahr durch Edward Whymper im Wettstreit mit Jean Carrel das Matterhorn, wobei es beim Abstieg eine fürchterliche Tragödie mit vier Toten gab.
Auch die erste Durchsteigung der Pallavicinirinne am Großglockner im Jahr 1876 durch Markgraf Alfred Pallavicini war eine beachtenswerte Leistung. Die Schwerstarbeit, nämlich in der 600 Meter hohen und bis zu 55 Grad steilen Eisrinne über 2000 Stufen ins Eis zu hacken, fiel natürlich einem der drei Bergführer zu.
Mittlerweile war das Ziel solcher Ersteigungen nicht mehr die Erkundung und Erforschung der Bergwelt, sondern das Bergerlebnis an sich, so dass die höchsten und schwierigsten Berge der Alpen nun systematisch erobert wurden. Dennoch waren die Bergsteiger dieser Zeit meist Intellektuelle, die sich mit der Unterstützung einheimischer Führer an die bis dahin gefürchteten Eisriesen wagten. In diesem Sinne wurde 1878 der Biancograt am Piz Bernina erstbegangen, 1887 der schwierige Bumillerpfeiler auf den Piz Palü und 1890 die Nordflanke des Piz Rosegg als steilste Eistour der Alpen vor der Jahrhundertwende. Bis dahin hatte folgende Devise Gültigkeit: „Wo Schnee liegt kann man gehen, wo Eis ist, kann man sich einen Weg schlagen.“
Oskar Eckenstein machte sich zu dieser Zeit Gedanken über eine Verbesserung der Eisausrüstung. Während bei einer K2-Expedition 1892 der Leiter mit einem schulterhohen Alpenstock dem 8611 m hohen Berg zu Leibe rücken wollte, benützte Eckenstein einen von ihm entwickelten etwa 85 cm langen Eispickel und zehnzackige Steigeisen. Das Stufenschlagen im steilen Eis hatte ein Ende. Und auch eine andere Gepflogenheit wurde immer mehr verdrängt, nämlich die, sich nur mit bodenständigen Führern in die Berge zu wagen.
Anfangs des 20. Jahrhunderts waren zwar dann die eleganten und auch steilen Wege zu den bekannten Gipfeln gemacht, aber an die ganz steilen Eisprobleme und großen kombinierten Wände wagte man sich noch nicht heran. Es bedurfte einer Weiterentwicklung der Eisausrüstung. Der Bayer Wilo Welzenbach verwendete 1924 in der Wiesbachhorn-Nordwestwand einen selbst entwickelten Eishaken, mit dem man sich im Eis erstmals richtig sichern konnte. Er leitete

eine große Epoche des Eiskletterns ein. Es wurden nun auch Steigeisen mit schrägen Vorderzacken verwendet und die Eispickel wurden immer kürzer und handlicher.
1931 „fällt“ mit der Matterhorn-Nordwand die erste der drei großen Alpenwände. Den Brüdern Toni und Franz Schmid aus München gelang dieses Bravourstück.
1935 wird der Crozpfeiler und drei Jahre später der Walkerpfeiler an der Grandes Jorasses erstiegen – die zweite „Problemwand“ der Alpen ist bezwungen. Nach unglaublich verlustreicher Vorgeschichte gelingt im gleichen Jahr, 1938, endlich der Viererseilschaft Heckmaier, Vörg, Kasparek und Harrer die Eiger-Nordwand.
Man glaubte, den Zenit an Schwierigkeiten in kombiniertem Gelände erreicht zu haben. Erst die 1955 erkletterte Droites-Nordwand war in dieser Hinsicht eine Steigerung.
In den 50er Jahren wurden auch zwölf der 14 Achttausender zum ersten Mal bestiegen.
Klimaveränderung und Alpinismus
In den 90er Jahren radieren Felsstürze am Bonattipfeiler / Petit Dru (3733 m) im Mont Blanc-Gebiet weltbekannte Kletterrouten aus – im Jahrhundertsommer 2003 muss die Berggendamerie in Chamonix den Mont Blanc für Hochtourengeher sperren, nachdem der Steinschlag extreme Ausmaße angenommen hat – im Juli 2006 wird die Südseite des Matterhorns wegen Felssturz-Gefahr gesperrt und 25 Bergsteiger werden ausgeflogen – die Stahltreppe vom Konkordiagletscher über die vertikalen Felsplatten hinauf zur gleichnamigen Hütte muss jedes Jahr nach unten verlängert werden, da der Gletscher absinkt – Bergsteiger, die im Sommer die Pallavicinirinne am Großglockner erklettern wollen, finden sich nicht in einem Eis- oder Firncouloir wieder, sondern in einer steinschleudernden Schuttrinne.
Diese Beispiele machen deutlich, wie sich die Klimaerwärmung im Hochgebirge auswirkt. Alle Bergsteiger, die in den Eis- und Firnregionen unterwegs sind, können von eigenen Erfahrungen berichten.
Die Klimaerwärmung und ihre Folgen
Das Klima unserer Erde ist ständigen Schwankungen unterworfen, welche natürliche und durch den Menschen bedingte Ursachen haben. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts, dem Ende der „Kleinen Eiszeit“ um 1850, sind die Gletscher der

Alpen - mit Schwankungen - im Rückzug begriffen. Zum Beispiel wurde auf dem Sonnblick, der höchstgelegenen meteorologischen Station der Ostalpen, seit Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ein Temperaturanstieg um circa ein Grad Celsius gemessen.
Zum einen ist damit ein Ansteigen der Permafrostgrenze verbunden. Als Permafrost bezeichnet man ständig gefrorenen Boden, der auch im Sommer höchstens an der Oberfläche auftaut. Die Untergrenze des Permafrostes liegt in den Alpen zwischen circa 2350 und 3000 m, so dass über dieser Grenze Schutt, Geröll und Felsen durch den gefrorenen Boden und Eis zusammengehalten werden. Durch die Erwärmung steigt diese Grenze nun an, so dass sich Steinschlag, Berg- und Felsstürze und auch Muren häufen.
Zum anderen verlieren viele Gletscher der Alpen durch die Temperaturerhöhung an Masse und Länge. Auch Firn- und Eiswände schmelzen ab und gleichen im Sommer oft nur noch steilen Schutthalden. Ebenso wird die Schneegrenze auf den Bergen weiter ansteigen. Man vermutet, dass im Jahre 2050 bis zu 90 % aller Gletscher der Alpen verschwunden sein werden. Gebirgsgruppen, die sich heute auch im Sommer noch mit hübscher Eisdekoration präsentieren, werden in Zukunft zu schuttigen Steinwüsten verkommen – für den Hochtourengeher ein Anblick zum Heulen.
Folgen für den Bergsteiger
Generell sind Hoch- und Eistouren problematischer und umständlicher geworden. Man muss mit mehr Steinschlag, heikleren Gletschern, mit mehr Blankeis anstatt Firnpassagen, mit gefährlicheren Zonen rund um die Gletscherränder und schwierigeren Randklüften rechnen.
Ein Großteil der Eis- und Firnwände kann immer noch begangen werden, aber man braucht Anpassungsstrategien und Vorsichtsmaßnahmen. Da diese Flanken im Sommer oft völlig ausapern, also eisfrei sind, und die Steine einem im Minutentakt um die Nase surren, begeht man sie nun meist im Spätwinter oder Frühjahr, wenn noch genügend Schnee vorhanden ist. Dann werden neben Steigeisen oft auch Ski gebraucht und die eventuell noch vorhandene Lawinengefahr ist zu berücksichtigen. Manchmal sind solche Eiswände aber auch im Herbst, bei schon wieder tieferen Temperaturen zu empfehlen.
Auch sollte einem versierten Hochtouristen nicht entgehen, dass ein Gletscher mit zunehmendem Rückzug häufig mehr Spalten bildet, die in schneearmen Wintern nicht genügend eingeschneit werden. Bei hohen Temperaturen im Sommer sind die labilen Schneebrücken dann eine tückische Gefahr für den, der gerade drüberbalancieren möchte.
Ebenso werden Gletscherränder durch das Abschmelzen des Eises dünner und damit gefährlicher. Zudem kommen unter dem Eis in der Regel glatt geschliffene Felsplatten oder frische, instabile Seitenmoränen zum Vorschein, welche mühsam und heikel zu begehen sind.
Mit dem Rückgang der Gletscher sind viele Bergschründe, also Randspalten zwischen Eisflanken und Gletscher, aber auch

Randklüfte, das sind die Spalten zwischen Felswand und Eis, größer geworden. Wer von oben kommt, kann im Notfall abseilen, wer von unten kommt, muss schon in die alpine Trickkiste greifen, um diese Hindernisse zu überwinden. Oft zieht man unverrichteter Dinge wieder ab, da ein Erreichen der Wand einfach nicht mehr möglich ist.
Manchmal sind Touren, die früher im Firn leicht zu bewältigen waren, jetzt auf blankem oder mit Schutt vermischtem Eis zu absolvieren. Zudem werden sie anspruchsvoller, da man Steinschlagzonen schnell durchqueren oder umgehen muss.
Der Klimawandel geht gleichzeitig mit einer Intensivierung der Wetterereignisse einher. Heftige Kaltlufteinbrüche können die Verhältnisse im Hochgebirge innerhalb kürzester Zeit von „Sommer“ auf „Winter“ umstellen. Solche „Miniwinter“ verlangen von den Bergsteigern dann oft Zurückhaltung, da neben den erschwerten Bedingungen auch die Lawinengefahr beachtet werden muss.
Insgesamt ist festzuhalten, dass das Hochtouren-Gehen in den Alpen eher schwieriger geworden ist. Dennoch bedeutet die Klimaerwärmung nicht das Ende von tollen Erlebnissen im Hochgebirge. Man muss sich eben den Veränderungen anpassen. Zudem verhindern verschiedenste Informationsquellen – wenn sie denn intensiv genutzt werden – eine böse Überraschung. Auch ist – mehr noch wie früher - auf Aktualität der Karten und Führerliteratur zu achten.
Zum Schluss noch ein Hoffnungsschimmer für schmelzende Ferner und schwitzende Bergsteiger: Computersimulationen ergeben eine mögliche Verschiebung des Golfstroms. Würde Europas Wärmelieferant durch abgeschmolzenes Arktiseis nach Süden verdrängt, wäre eine Kleine Eiszeit nicht nur in Nordeuropa, sondern auch bei uns beschlossene Sache.
Schlussbemerkung
Wir Bergsteiger müssen vielleicht auf manche Tour ganz verzichten oder uns mit dem Zeitpunkt der Begehung an die veränderten Bedingungen anpassen. Weitaus dramatischer stellt sich die Situation für manche Alpenregionen und deren Bewohner dar. Schneearme Winter, Bedrohung durch Bergstürze oder Lawinen können für viele die Existenzgrundlage in Frage stellen. Ein Grund mehr auch für die Liebhaber eisgepanzerter Gipfel nicht nur wegen ihrer Leidenschaft ihre eigene CO2-Bilanz kritisch zu hinterfragen und beispielsweise das Auto so oft wie möglich ..., naja, ihr wisst schon.
Zustand einiger bekannter Eisrouten
Am Großglockner beispielsweise ist der frühere übliche Hofmannsweg wegen der Ausaperung so gut wie nicht mehr begehbar. Die ebenfalls stark schmelzende Pallavicinirinne (55°) ist im Sommer sehr steinschlaggefährdet und daher eher im Spätwinter zu empfehlen.
Auch in der direkten Hochferner Nordwand sucht man im engsten Teil der Rinne oft vergeblich Eis. Dafür blitzt dem Hartgesottenen brüchiger Fels im IV. Grat entgegen.
Die Similaun Nordwand lobt die Führerliteratur von 1961 als “steile, außerordentlich schöne Eiswand”. Von diesem Glanz ist heute so gut wie nichts mehr übrig geblieben.
Wer sich auf 600 Meter Eis in der Taschach Nordwand freut, wird sich über den langen Zustieg im ausgeaperten, bröseligen Wandfuß wundern. Allenfalls 400 Meter sind noch übrig geblieben. Die sind dafür immer noch zu empfehlen.
Die 700 Meter hohe Piz Roseg Nordostwand war früher fast durchgehend mit Eis bedeckt und direkt zu begehen. Heutzutage geht es eher darum, im Zick-Zack-Kurs den frei geschmolzenen Felsbändern auszuweichen. Da ist der Eselsgrat (III.) vielleicht eher zu empfehlen, auch wenn es sich dann eher um eine Hoch- als eine Eistour handelt.
Der Biancograt am Piz Bernina ist vielleicht aufgrund seiner von Wind umtosten Lage von größerem Eisverlust verschont worden. An heißen Sommertagen sollte man das Ziel dennoch überdenken, da die Firnflanke (bis 50°) des Zustiegs stark steinschlaggefährdet ist.